Alter: 45 Kinder: Patrick (13), Sonja (11 1/2) und Nicole (8)
Beinahe schon ein bisschen wie in den Ferien kommt es einem vor, wenn man durch Würenlos den Berg hinauf spaziert und sich vor einem das ganze Limmattal in der Morgensonne ausbreitet. Würenlos ist bei Familien ein beliebter Wohnort, weil es ruhig, ländlich und doch nicht weit von Zürich und Baden entfernt ist.
Auch Priska Widmer wohnt hier mit ihrem Mann Boris und ihren drei Kindern. Das Tageskind, das jeweils zwei Wochentage hier verbringt, gehört ebenfalls schon fast zur Familie. Sie hat es vor drei Jahren aufgenommen, weil das Kind im Hort nicht glücklich war. Als
Schulpräsidentin der Schule Würenlos erlebt Priska Widmer vieles: «Ich denke, wir sind eine sehr gesunde Gemeinde mit wenig sozialen Problemen. Verhaltensauffällige Kinder bereiten uns jedoch Sorgen. Häufig hat das auffällige Verhalten mit den Umständen zu Hause zu tun. Viele dieser Kinder haben einen schwierigen Werdegang, oft habe ich den Eindruck, dass die Ruhe des Elternhauses fehlt.»
Das Tageskind von Priska Widmer hatte bereits eine lange Geschichte hinter sich, als es in den Kindergarten kam. «Das Mädchen hatte schon so viele Stationen durchlaufen in seinem Leben, es brauchte lange, um Vertrauen aufzubauen.» sagt Priska Widmer, «erst jetzt, nach drei Jahren, spüre ich langsam, wie sie sich vorsichtig öffnet. Und ich sehe auch, dass trotz der Nähe, ein Unterschied bestehen bleibt zur Beziehung die meine eigenen Kinder zu mir haben. Niemandem gegenüber öffnet man sich so, wie man es bei den eigenen Eltern tun würde.»
Ihr erstes Kind bekam Priska Widmer im Alter von 32 Jahren. Ihr Mann war vorher im Studium und hat nebenbei noch gearbeitet, da wäre eine Familiengründung undenkbar gewesen. Als dann Patrick kam, war Boris Widmer mitten im Abschluss und etwas Geld brauchte die junge Familie ja auch noch. Der Kleine weinte die ersten drei Monate viel und Priska Widmer schlief damals wohl nie mehr als zwei Stunden am Stück. Das war eine harte Zeit.
Von ihrem Arbeitgeber hatte Priska Widmer das Angebot, nach einer Pause wieder einzusteigen. Aber das wollte sie trotz der knappen finanziellen Verhältnisse nicht. Sie war zuvor für eine Vermögensverwaltung als Finanz- und Personalmanagerin tätig gewesen und hatte dort mit sehr vermögenden Kunden zu tun. Viele dieser Kunden hatten alles, Kind und Karriere waren perfekt organisiert. Doch der Einblick in das Leben dieser Leute zeigte ihr, dass geschäftlicher Erfolg und Geld nicht alles ist, dass es im Leben noch andere Werte gibt: «Man kann mit Geld alles organisieren, aber das, was Kinder brauchen, kann man mit Geld nicht kaufen.»
Priska Widmer: «Als Frau verzichte ich damit auf sehr viel. Wenn wir uns trennen würden, dann müsste ich irgendwo ganz bei Null anfangen. Die Wirtschaft sollte mehr Chancen und Möglichkeiten für einen Wiedereinstieg nach der Kinderpause bieten, damit Frauen diese wichtige Aufgabe zu Hause wahrnehmen können.
Familienatmosphäre
Das sind bei uns die sportlichen Anlässe am Wochenende, an denen immer die ganze Familie teilnimmt – die einen als Mitspieler, die anderen als Fans. Sonja begleiten wir zum Beispiel regelmässig an den Erdgas-Cup, einen grossen Leichtathletik-Wettbewerb.
Highlights
Einmal rief mein Sohn mich an. Er ist sonst ziemlich bequem, wie es in diesem Alter halt so ist und lässt sich am liebsten rundum bedienen. An diesem Tag war er alleine zu Hause, die beiden Mädchen waren im Training. Er sagte: «Mami, ich habe den Hasen ausgemistet und die Wäsche abgenommen und zusammengelegt. Sag’ mir bitte, wie das Laura-Star funktioniert, damit ich noch bügeln kann.» Da traute ich meinen Ohren kaum und dachte: doch, es fruchtet irgendwann schon, wenn man den Kindern etwas vorlebt, man muss nur Geduld haben.
Damit kann man mich jagen
Wenn ich im Stress bin und Termine habe und die Kinder anfangen zu streiten oder mich als ihren Handlanger einsetzen. Auch wenn sie vor dem Fernseher sitzen, hätten sie dann manchmal noch gerne Bedienung… Da finde ich jeweils «gaht’s eu eigentlich no?».
So organisiere ich mich
Immer am Donnerstag kommt bei uns die Putzfrau und dann machen wir zwei gemeinsam die Runde durchs Haus. Eigentlich wollte ich nie eine Putzfrau. Als ich dann vor einigen Jahren sehr engagiert war mit den Kindern und meinem Schulpflegeamt und mein Mann gleichzeitig geschäftlich sehr unter Druck stand, musste ich mir überlegen, wie ich damit umgehe. Zunächst kam ich mir als Versagerin vor: «Andere machen Karriere und haben daneben noch Familie und ich schaffe nicht einmal dieses Ehrenamt.» Dann haben wir entschieden, eine Putzfrau zu suchen. Wir machen die Arbeit zusammen und unterhalten uns dabei. Das macht Spass und auch ich nehme mir dann die Zeit dafür. So ist nach ein paar Stunden das Gröbste erledigt für die Woche.
Typisch Hausfrau!
Bevor ich morgens das Haus verlasse, müssen die Betten gemacht, das Frühstück abgeräumt, das Badezimmer kontrolliert und es muss gelüftet sein. Bevor das nicht erledigt ist, konnte ich früher nicht aus dem Haus. Da musste ich lernen, dass ich auch einmal etwas stehen lasse, wenn es eng wird, anstatt mich selbst unter Druck zu setzen.
Arbeitsteilung
Mein Mann hat sein Büro seit diesem Frühling zu Hause. Die Kinder geniessen das sehr, er muss eher aufpassen, dass er nicht zu sehr abgelenkt wird. So kann er in Spitzenzeiten auch einmal einspringen, wenn ich früher weg muss.
So tanke ich auf
Wenn ich mich am Abend in Ruhe hinsetzen kann, erhole ich mich und wenn es die Zeit erlaubt, gehe ich zwei bis dreimal in der Woche joggen. Meine Arbeit, die ich in der Schule mache, ist für mich auch ein Auftanken. Dort werde ich mit anderen Problemen konfrontiert und werde auch auf einer anderen Ebene gefordert.
Das treibt mich
Meine Kinder sollen einmal eine gute Ausbildung haben. Ich möchte Ihnen auch später ein schönes Familienleben bieten und hoffe, dass die Beziehung zu den Kindern auch dann so gut bleibt. Ich selbst freue mich, dass ich in einigen Jahren wieder etwas mehr Freizeit habe, Zeit für Kulturelles, für Freunde und Reisen. Vielleicht steige ich später bei meinem Mann ins Geschäft ein oder arbeite ehrenamtlich für eine gute Sache, die ich unterstützen möchte.
